Potenzmittel – besser als ihr Ruf

Zusammenfassung: Erektionsstörungen treffen zunehmend junge Männer. Das sind die Ursachen, und so können Potenzpillen helfen. Und so wirksam sind Potenzmittel wie Viagra bei erektiler Dysfunktion wirklich.

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Erektionsprobleme bei jungen Männern

Erektile Dysfunktion – oft mit ED abgekürzt und lange mit dem Ruf einer Alte-Männer-Krankheit behaftet – schießt rein zahlenmäßig auch unter jungen Männern in die Höhe. Eine in der internationalen Fachzeitschrift "Journal of Sexual Medicine" veröffentlichte Studie hat ergeben, dass einer von vier neu erkrankten ED-Patienten jünger als 40 ist. Laut der Deutschen Gesellschaft für Mann und Gesundheit (DGMG) sind hier zu Lande etwa 4 Prozent der 20- bis 30-Jährigen betroffen.

"Vor 50 Jahren war dieser Anteil noch wesentlich geringer", sagt Professor Frank Sommer, Urologe aus Hamburg und Präsident der DGMG. Aus medizinischer Sicht ist das Ausbleiben von Erektionen in dem Alter eigentlich nicht zu erwarten. Und doch begegnen Ärzte sogar Teenagern, die an ED leiden. Was also zieht Männer runter, wenn sie versuchen, einen hochzukriegen? Und wie können Potzenpillen helfen, ihr Problem in den Griff zu bekommen?

Welche Ursachen haben Erektionsstörungen bei jungen Männern?

Angeborene Ursachen: "5 bis 10 Prozent aller Fälle bei Männern unter 40 Jahren gehen auf eine angeborene Ursache zurück", sagt Männergesundheits-Professor Sommer. "Das kann etwa eine Anomalie im Bereich der Blutgefäße oder der Nerven sein." Ob wichtige Arterien oder Nervenverbindungen nicht angelegt sind, muss der Urologe abklären, bevor er ein Potenzmittel verschreibt oder andere Maßnahmen zur Behandlung ergreift.

Körperliche Ursachen: "Die Zahl junger Männer, die schon als Kinder oder Jugendliche zu wenig Bewegung hatten, hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen", weiß der Experte. "Darum leiden heute mehr Menschen sehr früh unter starkem Übergewicht und Erkrankungen wie Diabetes und Arteriosklerose, die in der Regel Ältere betreffen." Folgen sind Schäden an den Blutgefäßen schon in jungen Jahren. Die Zuckerkrankheit wirkt sich vor allem auf kleine Arterien aus, in denen es zu Durchblutungsstörungen kommt. Typischerweise werden Organe wie Augen, Herz und Penis, die auf eine mangelhafte Blutversorgung besonders empfindlich reagieren, als Erste davon in Mitleidenschaft gezogen.

Psychische Ursachen: Erst wenn solche organischen Störungen definitiv ausgeschlossen werden können, deutet alles auf psychische Ursachen hin. "Rein psychogen verursachte Störungen betreffen zirka 25 Prozent aller jungen ED-Patienten", sagt Sommer. Gängige Potenzmittel können zwar helfen, Nervosität und Versagensängste zu überwinden, doch das zu Grunde liegende Problem erfordert mehr Aufmerksamkeit.

Pornografisch induzierte erektile Dysfunktion: Die nahezu grenzenlose Auswahl an Online-Pornografie kann offensichtlich die Fähigkeit dämpfen, realen Geschlechtsverkehr zu genießen. Sie setzt die Messlatte zu hoch. Experten verwenden dafür inzwischen einen Begriff: pornografisch induzierte erektile Dysfunktion – Impotenz durch zu viel Pornogucken.

Mit der Online-Verbreitung von Pornografie bahnt sich ein kollektives Bild von Sex seinen Weg in die Köpfe einer Generation von Männern, die sich mehr Gedanken über Sex macht als irgendeine zuvor. Viele Experten sehen darin die zu Grunde liegende Ursache für sexuelle Dysfunktionen in jungen Jahren. Porno lässt Männer im Hinblick auf Nähe und Intimität unfassbar abstumpfen. "Der Pornokonsum ist immens hoch", sagt auch Männergesundheits-Experte Sommer. "Was junge Menschen dann dort sehen, ist realitätsfremd. Es entsteht ein riesiger Druck, vergleichbare Leistungen zu bringen." Dieser psychischen Last kann die Erektion oft nicht standhalten.

Manche Männer bekommen beim echten Sex auch nicht mehr den gleichen Kick wie beim durch Bilder und Filme unterstützten Masturbieren. "Die optischen und akustischen Reize aus dem Internet sind so viel stärker, dass der Nervenstimulus beim echten Kontakt mit Frauen oft nicht mehr ausreicht", so Mediziner Sommer.

Wie können Potenzpillen gegen Erektionsstörungen helfen?

Im Jahr 1998 fällt der Startschuss zur Vermarktung der männlichen Erektion – Viagra kommt auf den Markt. Dessen Wirkstoff Sildenafil setzt an den Wänden der Arterien an, die im Penis die Schwellkörper mit Blut versorgen. Er hemmt dabei das Enzym PDE-5 (Phosphodiesterase V). Dadurch entspannt sich die Wandmuskulatur der Gefäße, und die Arterien öffnen sich.

Letztes Jahr feierte die kleine blaue Pille ihren 20. Geburtstag. In dieser Zeit scheffelte der Pharmakonzern Pfizer mit dem Potenzmittel eine Menge Geld. Allein auf dem US-Markt verdiente der Hersteller umgerechnet rund 15 Milliarden Euro.

Seit das Patent von Viagra 2013 in Deutschland und anderen Ländern ausgelaufen ist, sind die Umsätze etwas zurückgegangen. Die Konkurrenz durch generische Medikamente gräbt dem Original zum Teil das Wasser ab. Während eine Packung Viagra mit 8 Tabletten à 100 Milligramm Wirkstoff rund 100 Euro kostet, bekommt man für denselben Preis von einem Nachahmerprodukt mit demselben Wirkstoff (Sildenafil) je nach Hersteller bis zu 90 Tabletten. Weitere Konkurrenz gibt es in Form von Wirkstoffen anderer Hersteller, die ebenfalls das Enzym PDE-5 hemmen und in mancher Hinsicht Sildenafil überlegen sind.

Das sind die aktuellen Potenzpillen

Bei Potenzpillen solltest du ganz genau wissen, was du da schluckst. Ein Überblick über Marken und Wirkstoffe:

  • Viagra: Original des US-Pharmakonzerns Pfizer. Das Präparat funktioniert, indem der Blutfluss zum Penis verbessert wird, und wirkt nach einer Wartezeit von maximal 30 Minuten.
  • Sildenafil: der Wirkstoff in Viagra. Inzwischen ist er auch in einigen preiswerteren Nachahmerprodukten (Generika) enthalten, die genauso gut wirken.
  • Cialis: Viagras größter Konkurrent. Seine Wirkung hält sehr lange an – bis zu 36 Stunden. Deswegen wird er als Wochenendpille bezeichnet.
  • Tadalafil: der Wirkstoff in Cialis. Seit 2017 steht auch er in kostengünstigeren generischen Medikamenten zur Verfügung. Die lang anhaltende Wirkung ist bei diesen Produkten in gleichem Maße gewährleistet.
  • Levitra: Wirkt etwas schneller als Viagra, der Effekt hält bis zu 5 Stunden an. Wird in geringeren Dosierungen eingenommen als die blaue Pille.
  • Vardenafil: Der Wirkstoff in Levitra. Tendenziell wird er durch die Mahlzeiten nicht so sehr beeinflusst. Dagegen fällt es Viagra schwerer, nach einem fetten Essen in die Blutbahn zu gelangen.

Helfen die Potenzpillen auch bei psychisch bedingten Potenzstörungen?

Ja, Medikamente wie PDE-5-Hemmer können dabei helfen, zu einem normalen Sexualleben zurückzukehren – und das funktioniert, obwohl sie eigentlich auf die Blutgefäße wirken, die bei den meisten jungen Männern intakt sind. "Im Falle einer psychogenen erektilen Dysfunktion gelangen nicht genügend Nervenimpulse aus dem Gehirn zu den Blutgefäßen", erklärt der Experte. "Die Wirkstoffe agieren in diesen Fällen wie Nervenimpulsverstärker."

Ein kluger, medizinisch ausgebildeter Psychotherapeut verschreibt daher seinem Patienten einen PDE-5-Hemmer. Die Erfolgschancen einer Kombination von Psychotherapie und Medikament liegen bei etwa 90 Prozent. Dabei hilft natürlich auch der Placeboeffekt: Da die meisten Männer auf die Wirkung von Viagra vertrauen, ist dessen Effekt noch stärker.

Leider gibt es nicht genügend auf sexuelle Probleme spezialisierte Psychotherapeuten, um der gestiegenen Nachfrage durch ED-Patienten gerecht zu werden. "Der Bedarf hat immens zugenommen, die Wartelisten sind häufig entsprechend lang", sagt Sommer.

Fazit: Potenzpillen sind besser als ihr Ruf

Wenn der Penis nicht das macht, was man eigentlich von ihm will, hält man das oft vorschnell für eine Störung. Dabei ist es völlig normal. So ist das Leben. Gut zu wissen, dass es notfalls einfache Möglichkeiten gibt, kleinen Schwächen ein wenig Aufschwung zu verleihen. Potenzpillen sind besser als ihr Ruf. Aber wenn die Probleme länger anhalten, solltest du den Ursachen auf den Grund gehen. Brich das Tabu und sprich mit einem Arzt oder Psychologen.

About Prof. Dr. med. Andreas Gross

Asklepios Klinik Barmbek, Abteilung für Urologie Rübenkamp 220 22291 Hamburg
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